Europas 5 wertvollste AI-Startups und was die Politik dazu beisteuert

Euromaxxing!

Ich sag's gern jedes Jahr aufs Neue: Europa ist der beste Kontinent.

  • Mit der Deutschen Bahn in die Schweiz fahren
  • Schwimmen in der Aare
  • Mit der Österreichischen Airline von Zürich nach Split fliegen
  • Auf Braç in den schönsten Buchten der Welt schwimmen
  • Sich von regionalem Rosé, Käse und Olivenöl ernähren

Und dabei:

  • Offene Grenzen Eine Währung (und Schweizer Franken ;)
  • Geiles Wetter
  • Alles Demokratien
  • Sicherheit, Infrastruktur, Medizinische Versorgung überall gut

Und jetzt stelle man sich vor, das wäre ein Land, eine Volkswirtschaft mit einer konsistenten Politik und einer ernstzunehmenden AI-Strategie.

+Wie sagte es Scott Galloway mal so schön: "The US is the best place to make money, Europe is the best place to spend it."

Wäre ja cooler, wenn wir auch für den ersten Teil stehen würden.

Also habe ich mal nachgerechnet

Was ist das eigentlich, eine ernstzunehmende AI-Strategie? Am Ende habe ich mir zwei Dinge angeschaut: Was sind Europas AI-Startups wert? Und macht die Politik?

Es ist ja nicht so, dass Europa keine Startups kann:

  • Helsing (München), Bewertung 18 Mrd. USD. Series E über 1,8 Mrd. USD im Juli 2026, die größte Verteidigungs-Runde, die Europa je gesehen hat.
  • Nscale (London), Bewertung 14,6 Mrd. USD. 2 Mrd. USD Series C im März 2026, mit Nvidia, Dell und Nokia auf dem Cap Table. Baut GPU-Rechenzentren in Norwegen, Island und Portugal.
  • Lovable (Stockholm), Bewertung 13,3 Mrd. USD. 400 Mio Runde wurde vor 3 Tage geraised, Bewertung vor 13 Monaten waren noch 1,8 Mrd.
  • Mistral AI (Paris), Bewertung 11,7 Mrd. EUR aus der Runde vom September 2025. Seit Juni berichten Bloomberg und Sifted über eine neue Runde bei rund 20 Mrd. EUR. Bestätigt ist die noch nicht.
  • ElevenLabs (London/Warschau), Bewertung 11 Mrd. USD. Sequoia hat im Februar 500 Mio. USD investiert bei über 330 Mio. USD ARR.

Hört sich erstmal ganz gut an. Europäische AI-Startups haben im ersten Halbjahr 2026 rund 23 Mrd. USD eingesammelt, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum und 55 % des gesamten europäischen VC-Money ging in AI.

Aaaaaber: Die fünf zusammen kommen auf grob 70 Mrd. USD. Anthropic allein wird mit 965 Mrd. bewertet, OpenAI mit 852. Europas gesamte Startup-AI-Elite passt also ungefähr 14 in ein einziges amerikanisches Unternehmen. Und die 23 Mrd. aus dem ersten Halbjahr entsprechen etwa 7 % dessen, was US-Startups im selben Zeitraum eingesammelt haben.

Und die Politik?

Hier wird es interessant. Denn auf dem Papier tut Europa sehr viel. Die EU hat im Februar 2025 InvestAI ausgerufen: 200 Mrd. EUR, davon 20 Mrd. für sogenannte AI-Gigafactories. Frankreich hat beim selben Gipfel 109 Mrd. EUR angekündigt. Friedrich Merz spricht von rund 130 Mrd. für Deutschland, eine Industrie-Initiative hat 800 Mrd. bis 2028 zugesagt.

Aber kennt ihr diese Typen, die immer nur reden, aber nie machen? Also, die EU ist so einer.

Die 200 Mrd. sind kein frisches Geld, sondern eine Mobilisierung aus bestehenden Töpfen plus erhofftem Privatkapital. Die Ausschreibung für die Gigafactories ist am 30. Juli 2026 gestartet, also vor zwei Wochen. Frist ist der 12. November, Auswahl Anfang 2027, Betriebsaufnahme dann binnen 18 Monaten danach. Wir reden über Mitte 2028. Der Großteil der öffentlichen Mittel kommt zudem aus dem nächsten EU-Haushaltsrahmen 2028 bis 2035, der noch nicht verhandelt ist.

Frankreichs 109 Mrd. waren von Anfang an fast vollständig privat und größtenteils ausländisch. Bis zu 100 Mrd. davon kommen von SoftBank und MGX aus Abu Dhabi. Nebenbei veranschlagt der Netzbetreiber RTE für den Umbau des französischen Übertragungsnetzes bis 2040 rund 100 Mrd. EUR, wobei Rechenzentren nur einer von mehreren Treibern sind.

Und Deutschland? Der Bundestag hat im November 2025 den Haushalt des Digitalministeriums für 2026 beschlossen: 1,36 Mrd. EUR, weniger als im Vorjahr. Der Haushaltstitel "Innovative Anwendungen der Künstlichen Intelligenz" wurde dabei von 49,35 Mio. auf 20 Mio. EUR gekürzt.

😂😂😂

Und dann ist da noch der Golf

Wer glaubt, das sei ein europäisches Problem, sollte sich ansehen, was am Golf passiert. Saudi-Arabien, die Emirate und Katar haben zusammen rund 2,5 Mrd. USD an Tech-Zusagen im Umfeld der USA angekündigt, dazu 8 bis 10 Gigawatt AI-Rechenkapazität.

Die Ambitionen sind groß, zwei Beispiele:

  • HUMAIN wurde in Ryad als "global AI powerhouse" gegründet und soll Saudi-Arabien unter die Top 3 der AI-Standorte bringen: 6,6 GW bis 2034, 600.000 Nvidia-GPUs über drei Jahre, dazu vier Säulen von Rechenzentren über Cloud und arabische Modelle bis zu Frontend-Anwendungen. Quasi das arabische OpenAI.
  • Das DIFC in Dubai hat zwei Ambitionsstufen. Der AI Campus wurde 2023 mit 500 Unternehmen bis 2028, 300 Mio. USD Fonds und 3.000 Jobs ausgerufen. Ich war da und es ist wirklich cool. Im April 2026 kam Nummer 2: das weltweit erste AI-Native Financial Centre, 3,5 Mrd. USD in "economic benefits" (niemand weiß, was das heißen soll, aber es hört sich cool an), 25.000 Jobs.

Die Infrastruktur ist lange noch nicht auf US-Niveau, aber die Ambition und die Umsetzungsgeschwindigkeit sind enorm. Meine Wette: Wenn Europa in zwei Jahren seine Strategie zusammen hat, wird GCC neben China und den USA das dritte relevante AI-Cluster der Welt sein.

Was bedeutet das für uns?

Erstens, Reisen in Europa ist einfach unschlagbar.

Zweitens, wir können unternehmerisch nicht auf die Politik warten.

Bis die erste Gigafactory ans Netz geht, ist 2028. Bis dahin holen wir Rechenleistung aus den USA.

Gleiches gilt für die LLMs: Mistral ist nicht konkurrenzfähig und so kommen die die Top-Modelle für fast alle Enterprise-Anwendungen von den drei Großen, also OpenAI, Anthropic und Google. Die einzigen ernstzunehmenden Alternativen sind derzeit Open Source Modelle aus China. Ob man das will, ist eine andere Frage...

Die Golfstaaten sind eine oft übersehende Alternative. Natürlich sind die Modelle aus Abu Dhabi und Ryad noch nicht vergleichbar mit Fable 5 oder GPT 5.6. Aber sie investieren, sie nehmen es ernst und sie sind schnell.

Arthur Mensch von Mistral hat es im August so formuliert: Europa habe "roughly two years" Zeit, seine eigene AI-Infrastruktur zu bauen, sonst werde es dauerhaft zum Vasallenstaat.

Aber wie gesagt, wir kein deutscher Versicherer, keine deutsche Bank, kein deutscher Mittelständler kann zwei Jahre warten, bis die Politik eventuell das Thema AI europäisch auf die Kette bekommt.

Die Fragen, die sich jedes Unternehmen heute stellen muss, sind:

  • Welche Modelle setze ich ein - und wie kann ich gleichzeitig meine Abhängigkeit von einem Anbieter minimieren?
  • Welche Regionen - USA, China, GCC - sind potenzielle Partner?
  • Wie strukturiere ich meine AI-Initiativen so, dass sie nicht reaktiv sind, sondern meine Unternehmensstrategie unterstützen?

Das sind zugegebenermaßen sehr unterschiedliche Flughöhen. Aber so sind die Zeiten nunmal gerade: man kann die Modellauswahl nicht ohne geopolitische Risiken und nicht ohne die eigenen taktischen Projektplanungen machen.

Still bullish on Europe. Still Euromaxxing. Aber ein einfacher Selbstläufer wird das alles nicht.

Bis in zwei Wochen,

Nicolas

P.S. Wo liege ich falsch? Schick mir Feedback, ich freue mich sehr darüber.

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Jede Ausgabe ein KI-Framework für Corporate Development: neue Geschäftsfelder und KI-Produkte finden, bewerten und umsetzen. Erprobt in meinen Mandaten bei Banken und Versicherern